In heutiger Zeit ist die Begrifflichkeit des Leidens in mannigfaltiger Weise im Geiste des Menschen vorhanden. Grund genug dieser Erscheinungsform einer tiefer gehenden Betrachtung zu unterziehen.
Im Gegensatz zu heutigen Formen des Leidens beschränkten sich die Ursachen des Ungemachs häufiger auf religiöse Regelbrüche sowie soziale/gesundheitliche Konflikte, wie z.B. drohende Hungersnöte, Güterverlust oder Krankheiten. Doch seit dem Etablieren einer verbesserten medizinischen Versorgung, eines höheren Bildungsstandards und einer breit flächigen Lebensmittelversorgung hat sich das Wesen des Leids wesentlich verändert. Diese Veränderung wurde durch die Entstehung demokratischer Herrschaftsverhältnisse zusätzlich begünstigt. Aufgrund dieser Faktoren wurden daher einige der essenziellen Leidensquellen eliminiert. Doch allein aufgrund der praktisch unstillbaren Begierde des Subjekts wandelte sich das Leiden zu einer inflationär genutzten Begrifflichkeit. So kann man weiterhin beobachten, dass die christliche Schuldvorstellung deutlich weniger Leidzustände hervorrufen. Vielmehr ist eine Abstumpfung des Leidempfindens eingetreten. Durch extreme Überreizung empfindet das Subjekt sogar schon die falsche Aussentemperatur als unendliches Leid.
Obgleich das Leiden in verschiedenen Kulturen als gute Empfindung angesehen wird bleibt weiterhin die Frage offen ob und falls ja wie es der mentalen Weiterentwicklung von Nutzen sein könnte. Daraus ist zu schlussfolgern, dass ein gesundes Maß an Leid durchaus im Dienste des Subjektes stehen kann.
Man nehme nur einmal die Folgen eines starken Rauschmittelkonsums. Ist derlei Leiden nicht Bestätigung genug dieser These? Fraglich bleibt hierbei nur die Herkunft des Leidens offen. Ist es ein Leiden auf der Basis der Reue über eine solche Fehlentscheidung oder aber die biologische Antwort auf einen schwerwiegenden Eingriff in das biologische System? Hier mag man an die Grenzen der Vorstellungskraft oder die der Aussagekraft stoßen. Insofern bleibt mir lediglich die Möglichkeit meine subjektive Meinung dieser Thematik zu erläutern.
Einige Erkenntnissen ist bereits die persönliche Note zu entnehmen. So betrachte ich das Leiden durchaus als Notwendigkeit höherer geistiger Entwicklung. Welch anderes Empfinden ist bei richtiger Auslegung ein solch großartiger Augenöffner? Das Leiden vermag den Einzelnen in seiner Authentizität enorm stärken. Dies bedeutet allerdings mitnichten die zuvor inflationäre Nutzung dieser Instanz. Denn eine solche würde unweigerlich den Geist in eine, häufig mit demagogischen Zügen verbundene, Umnachtung stürzen. Schnell würde sich der Wahnsinn in Form des beliebten Ungerechtigkeitsempfinden aufdrängen und das Joch des Geistes umhüllen.
Abschließend bleibt lediglich die, auf das Subjekt korrekt ausgelegte, Leiddefinition festzuhalten.